Vom Zwang des Erzählens.

Die Dinge.

Sie sind, wie sie sind, sie waren das, was sie waren. Wir leben mit ihnen.
Hast du deine unschönen Erlebnisse akzeptiert? Lebst du dagegen an? Oder versuchst du sie durch wiederholtes Erzählen aufzulösen?

Hundert mal.

Beschreibst du zum hundertsten Mal das Geschehen und erwartest vom Außen eine Reaktion. Wenn ja, hast du schon mal nachgedacht, wonach du suchst? Was soll dir dein Gegenüber entgegenbringen? Verständnis oder soll er dein Erlebnis für dich beurteilen, weil du es in deinem Zuhause nicht bewerten durftest?

Geheim.

Neulich vertraute mir eine Person an, dass sie über viele Jahre immer wieder ein Ereignis zwanghaft erzählen musste. Obwohl es in der Familie geheim gehalten werden sollte.

Verbot.

Es war eine schlimme Geschichte, die sich im Familienleben abgespielt hatte. Sie hatte tatsächlich das Leben der Eltern, Großeltern und auch das der Person sehr nachhaltig beeinflusst und doch, wie das so oft ist, durfte nicht darüber geredet werden.

Sprechen.

Wir sprachen über das Geschehen und über das, was sie empfand, wenn sie erzählte. In diesem Gespräch stellte sich heraus, dass sie im Grunde genommen nichts damit zutun hatte. Sie hatte es weder veranlasst noch gewollt, geschweige denn zunächst mitbekommen. Sie war unschuldig!
Erst als ihre Mutter begann es ihr immer und immer wieder zu erzählen, weil für die Mutter die Last zu schwer wurde, lag es auch auf ihren Schultern. Sie war damals vierzehn Jahre alt, als die Mutter damit anfing und damit beschäftigt, sich um sich selbst zu kümmern, weil ihre Pubertät begann.

Falsches Vertrauen.

Doch das sollte sich von dem Zeitpunkt, da ihre Mutter sie in das Vertrauen zog, ändern. Von jetzt an stand die Mutter im Mittelpunkt. Die Mutter und nun auch sie waren Opfer einer innerfamiliären Gewalttat geworden.

katjafragt Erzählzwang

So ähnlich beschrieb sie es mir:

Es begleitete mich immer die Frage: „Warum nur wurden meine Geschwister abgetrieben? Wie kann jemand so etwas tun? Was wäre gewesen, wenn diese Tat nicht stattgefunden hätte. Wie hätte sich mein und vor allem unser Familienleben entwickelt. Was wären es für Menschen geworden?“ „Ach, und ich habe mir immer Geschwister gewünscht!“

Gefühle.

„Meine Gefühle wurden nicht wahrgenommen, durften nicht sein. Ich sollte zuhören. Als Ventil fungieren. Tragen, was meine Mutter nicht tragen konnte. Das schlimmste, ich durfte es nicht erzählen!“

Zwang.

„Später in meinem Leben musste ich es zwanghaft immer wieder und wieder erzählen, manchmal wildfremden Menschen. Es fühlte sich meist schrecklich an, da ich mir wie ein Verräter vorkam. Doch die Menschen brachten nie zum Ausdruck, was ich brauchte.“

Fragen.

„Erst als ich begann, mich zu fragen, warum ich es immer und immer wieder erzählen musste, stieg ich langsam dahinter, was ich wollte und brauchte. Ich wollte hören, wie schlimm und schwerwiegend diese Tat war und dass es nicht nur für meine Mutter, sondern auch für mich enorm schlimm war und überhaupt nicht normal. Ich wollte auch ein gewisses Bedauern darüber hören, dass mir so etwas widerfahren war.“
„Ich begriff in dieser Zeit, dass meine Zuhörer oft mit dieser schlimmen Geschichte genauso überfordert waren wie ich selbst.“

Begreifen.

„Ich begriff jedoch auch, dass ich es selbst war, die diese Tat beurteilen durfte. Plötzlich konnte ich fühlen, dass es schlimm, schwerwiegend und schrecklich war. Ich konnte mir selbst Verständnis entgegenbringen. Ich wusste plötzlich, es war auch nicht richtig, dass meine Mutter bei mir abgeladen hatte. Das hatte solche fatalen Folgen. Ich lebte eine lange Zeit ihr Leben, versuchte ihre Last aufzulösen. Was natürlich nicht gelang, sondern nur noch zu schlimmeren Verstrickungen führte. Es führte bei mir zu beträchtlicher Überlastung. Ach, es hatte in meinem Leben und Verhalten so viel mehr Folgen als nur dieser ständige Erzählzwang.“

Lösung.

Die Lösung scheint so einfach und ist gleichsam schwer zu erlangen. Das Verständnis für sich selbst.

Coaching.

Wir kamen im Coaching irgendwann dort an, dass sie dieses Verständnis für sich entwickeln konnte.
Sie begann darüber nachzudenken, was sie einer Freundin oder einem Freund geraten hätte, wenn sie in ihrer Situation gewesen wäre. Wie sie mit diesem guten Freund umgegangen wäre. Gerade dann, wenn er Ähnliches wie sie erlebt hätte und sie wirklich gut nachvollziehen könne, wie es ihm damit geht. Ja, und genau das wandte sie auf sich selbst an.

Verstehen.

Sie lernte sich nun wie ihre beste Freundin zu verstehen. Sie konnte einordnen, dass das, was sie erlebte und was in ihrer Familie passiert war wirklich schlimm gewesen ist und vor allem, dass sie selbst keine Schuld traf. Es war auch nicht schlimm, dass sie es weitererzählt hatte. Endlich fand dieser Kreislauf des Zwangs und der anschließenden schlechten Gefühle ein Ende.

Knackpunkt.

Der Knackpunkt war das Verständnis für sich selbst und das Zugeständnis, die Gefühle, die hochkamen zu fühlen. Zu trauern und zu akzeptieren.

Wenn du etwas erzählen möchtest oder musst.

 

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