Die Würde bewahren, ein Lebensstil

Simone K. erzählt mir ihre Gedanken über Würde.

Lesezeit ca. 5 – 7 Minuten

Als Kind und Jugendliche.

Simone K. sagt: „Früher als Kind und Jugendliche hatte ich keine Worte für das, was ich beobachtete. Ich wollte es nur einfach nicht mehr sehen. Es rüttelte so sehr an mir  und ich dachte, dass ich so nicht sein wollte. Ich wollte mich so nie in der Öffentlichkeit oder vor nahestehenden Menschen zeigen. Derartig die Kontrolle über mich selbst zu verlieren, das sollte mir nicht passieren, damit ich mir nicht selbst die Würde rauben würde.“

Hier betont Simone, dass dieses Erleben nicht etwa nur den Reflex wegzuschauen erzeugte, sondern später das Bedürfnis entstand, zu helfen und Veränderung herbei zu führen. Das sogar ihr ganzes Leben lang. Es lies sie nicht mehr los.

Wenn ein Rausch dir die Würde raubt.

Mit diesem Raub der Würde, für den du selbst verantwortlich sein kannst, meint sie unter anderem den übermäßige Alkohol- oder auch Drogenkonsum den sie beobachtete, dass die Menschen ein Bild des Jammers abgeben, weil sie ihren Köper und auch ihre Worte nicht mehr im Griff haben. Aber nicht nur der Konsum von Rauschmitteln, die den Menschen die Kontrolle rauben, machte sie sprach und fassungslos, sondern auch als sich Personen ihrer unbändigen Wut hingaben und somit in eine Art Rausch kamen. Da passierte genau das Gleiche. Sie verloren die Kontrolle über sich selbst und boten dem Umfeld ein schlimmes Bild.

In den Momenten in denen wir unsere Eigenverantwortung für unser Handeln abgeben, berauben wir uns selbst unserer Würde.

Das sind harte Worte für jemanden, der gerne Umstände oder Mitmenschen für sein Handeln und Sein verantwortlich macht.

Arbeit an dir selbst schafft dir ein würdevolles Leben.

Auch für mich hat die Arbeit an sich selbst sehr viel mit dem Erhalt der Würde des Menschen zu tun. Wenn uns Verletzung, Hohn oder Wut treffen, spüren wir vielleicht etwas, wir können es nicht benennen, vielleicht fühlt es sich wie Entrüstung an.

Da könnte man schnell zu der Einstellung gelangen, die andere Person ist die Böse. Doch mit der Haltung, dich um deine Würde zu kümmern, kommst du viel weiter und entwickelst dich zu einem mündigen Menschen.

Das Leben umgekrempelt.

Simone K.: „Ich beschäftige mich sehr damit, Zukunft nach den Vorstellungen zu gestalten, die es mir ermöglicht, Würde zu bewahren. Vielleicht muss manch einer nach einer Krise die eigene Würde wiederfinden.

Dazu gehört auch, Menschen die Möglichkeit zu geben, mit mir zu sprechen, falls ich mich in ihren Augen danebenbenommen habe. Nicht so zu tun, als sei nichts geschehen, sondern sich dem gemeinsamen Prozess des Aufarbeitens stellen. Falls ich Menschen verletzt habe, ohne es gemerkt zu haben, möchte ich auch da durch offene Gespräche der Klärung die Chance zur Heilung von Beziehungen geben. Das menschliche Miteinander hat auch immer etwas mit der menschlichen Würde zu tun.“

 

Zu deinen Fehlern stehen.

Würde bedeutet für mich zu seinen Fehlern zu stehen und dem Anderen ebenfalls ein würdevolles Leben zu ermöglichen oder besser noch ein gemeinsames würdevolles Miteinander zu entwickeln.

Der Philosoph Peter Bieri, schreibt in seinem Buch „Eine Art zu Leben – Über die Vielfalt menschlicher Würde“ immer wieder über die Ohnmacht. Das die Ohnmacht uns die Würde rauben kann. Ohnmacht zu erleben, dem freien Willen nicht nachkommen zu können, ist ein starkes und unangenehmes Gefühl.

Es gibt Situationen, in denen du überlegen musst, ob du dich dieser Ohnmacht weiter auslieferst oder ob du dir andere Wege suchen musst, an dein Ziel zu kommen.

 

Was bedeutet für dich Würde?

Die Würde ein sehr weites Gebiet.

Das Thema in Würde zu leben ist ein endloses Feld, hier findest du einige Impulse. Es sind Gedanken, nicht genug recherchiert für ein umfassendes Urteil, doch sie sollen zum Nachdenken anregen.

Es gibt Situationen, denen man sich nicht entziehen kann, wo, wenn überhaupt, nur noch der Rückzug in sich selbst helfen kann, die Würde zu bewahren. Beispiele gäbe es dafür viele.

 

Ganz auf mich gestellt.

Simone K.: „Mir wurde deutlich bewusst, als ich ganz auf mich allein gestellt in mein neues Leben startete, dass ich nur mich selbst hatte, also mein Handeln und Sein.

Denn sonst hatte ich mit über vierzig durch meine lange Mitgliedschaft einer Sekten ähnlichen Gemeinschaft und dadurch, dass ich nicht berufstätig, sondern in der Gemeinschaft viel ehrenamtliche Arbeit geleistet hatte, nicht viel zu bieten. Beruflich hatte ich mich nicht entwickelt und gesellschaftlich war ich einer Parallelwelt entsprungen.

Mein Verhalten würde meinen weiteren Weg bestimmen. Mein Leben ganz neu zu gestalten lag in meiner Hand. Nicht jammernd und auf die Umstände schimpfend, sondern im Kampf um die Würde machte ich mich auf meinen Weg.“

Die Ohnmacht und der Verlust der Würde.

„Ohnmacht, die mir das Gefühl gab, meine Würde mache sich auf leisen Sohlen davon, hatte ich auf meiner Suche nach Arbeit erlebt. Wer auch schon vor einem Mitarbeiter des Arbeitsamtes gesessen hat, weiß, wovon ich spreche. Du kennst dich selbst gut, weißt ungefähr, wo du hinmöchtest und obwohl ich sowieso schon in einer schwierigen Situation war, nahm ich all meinen Mut zusammen zu äußern, was ich mir vorstellte. Doch leider wurde eine Schablone angelegt und es gab zumindest für mich auf diese Art keine Möglichkeit, eine Arbeit zu finden, mit der ich weiter gehen konnte.“

Selbst nach dem Ausweg suchen.

„Als Ausweg aus diesem Dilemma kümmerte ich mich selbst um Arbeitsstellen, die ich auch fand. Sie entsprachen zwar nicht meiner Vorstellung dessen, was ich gerne getan hätte, aber ich war aktiv. Doch sollte ich durch Erlebnisse im Beruf wieder um meine Würde fürchten.

Ich bewarb mich um einen Job, der zum Halbtagsjob wurde, weil die Firma nur Teilzeitkräfte einstellte und bei einem damaligen Stundenlohn von 8,50€ kamen 510€ für den Lebensunterhalt heraus. Das war deutlich zu wenig Geld, um davon zu leben. Ich traute meinen Ohren kaum, als ich die Antwort auf meine Bitte um einen Vollzeitjob hörte. Der Vorschlag des Personalverantwortlichen war, mich vom Staat unterstützen zu lassen. Mir bleibt noch heute, wenn ich es erzähle, der Mund vor Erstaunen offen stehen.

Ja, da hat sich bei mir Ohnmacht breitgemacht. Mir blieb vorerst nichts anderes übrig, als zum Amt zu gehen und meine Situation vorzutragen. Natürlich wurde mir die Unterstützung gewährt. Dazu gehörte aber auch jeden Monat die Lohnabrechnungen vorzulegen und vor allem mit den Kontoauszügen vorstellig zu werden, um diese durch den Kopierer jagen zu lassen.

Hier wurde das Bedürfnis, meine Würde zu retten, sehr stark. Nach einiger Zeit hatte ich einen zweiten Job, obwohl ich das Hartz IV Niveau mit den beiden Verdiensten nicht erreichte, stellte ich keinen Antrag mehr. Zu sehr ging es mir an meine Würde, meine Kontoauszüge zum Kopieren zum Amt zu bringen.

Die zweite Arbeitsstelle wurde zu einer Ganztagsanstellung, leider wieder mit einem geringen Gehalt, sodass es nach wie vor schwierig war, den Lebensunterhalt davon zu bestreiten. Auch hier hörte ich in einer Verhandlung um das Geld, dass ich doch zum Staat gehen solle, um mir dort die Unterstützung zu holen.“

Das Verhalten meiner Arbeitgeber irritierte mich sehr.

„Bei mir hat dieses Verhalten meiner Arbeitgeber nicht nur eine starke Entrüstung ausgelöst, sondern auch die Frage aufgeworfen, ob die Leistung Hartz IV, welche dem Menschen in Notlagen eigentlich ein würdevolles Leben ermöglichen soll, nicht genau das Gegenteil bewirkt.

Ich kenne die Prozentzahlen der Hartz IV Empfänger nicht, würde aber nach meiner eigenen Erfahrung mutmaßen, dass es weniger Menschen in diesen Notlagen geben würde, wäre unser Sozialsystem mehr auf die Verantwortung der Firmen sowie der Arbeitnehmer aufgebaut. Mit Sicherheit ist es so gedacht, dass jeder eigenverantwortlich handelt. Das sollte schon ein Produkt des gesunden Menschenverstandes sein. Doch leider funktioniert es scheinbar nicht wirklich, es hat eine ungute Entwicklung stattgefunden, die ich zu spüren bekam.“

Denke über die Würde nach.

Ich kann dir nur empfehlen, intensiv darüber nachzudenken, was für dich Würde bedeutet. Dann ist es möglich, dass du dich so entwickelst, dass du dich Situationen stellst, denen du sonst aus dem Weg gegangen wärst. So meine Diagnose.

Du meinst, du bist zu schwach für gewisse Dinge, versuchst Herausforderungen zu umgehen oder dich zu betäuben.

All das kratzt an deiner Würde!

Noch ein paar Gedanken.

Dazu diese Gedanken: Immer wieder fasziniert mich, was der Mensch lernen kann. Ich schaue leidenschaftlich gerne hin, wenn Personen etwas bis zu Perfektion eingeübt haben. Da ist fast egal, in welcher Disziplin, wenn es nur eine gewisse Ästhetik hat. Ob Tanz, Sport, Kunst, Gesang, Schach, Gedächtnissport oder was auch immer.

All das zeigt mir, zu welchen Leistungen der Mensch fähig ist, wie viel er lernen kann. Wir haben einen wunderbaren Köper, der gesteuert durch einen starken Geist auch dann zu Höchstleistungen fähig ist, wenn er vermeintlich eine Behinderung hat.

Wie ein Leben eines Menschen verläuft, der nicht in die Norm passt, weil er irgendwie anders ist, liegt nicht immer daran, wie der Mensch über sich und das Leben denkt. Welche Ziele und Vorstellungen er hat.

Haltung einnehmen.

Diese Einstellung und Haltung zu bekommen ist sicher kein einfacher Weg und hat auch ein bisschen mit den Begegnungen und Chancen, die du im Leben hast zutun. Aber auch damit, wie offen du durch die Welt gehst. Wie interessiert du dem Leben und deine Mitmenschen begegnest. Wohin du schaust, ob du etwas lernen kannst. Sehr viel hängt meiner Meinung nach mit dem reifer werden zusammen.

Mir ist wichtig mitzuteilen, dass die Gedanken, die du oben gelesen hast, weitgehend aus meinen eigenen Empfindungen und dem Gespräch mit Simone K. entstanden sind. Ich glaube, dass wir als Menschen alle ein Gefühl für Würde haben, es nur nicht immer benennen können. Peter Bieri hat dies sehr tief durchdacht und wirklich gut lesbar und nachvollziehbar zu Papier gebracht.

Ich wünsche dir von Herzen ein würdevolles Leben.

 

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